Es passiert beim Aufstehen vom Schreibtisch, beim Treppensteigen, bei der ersten Kniebeuge im Garten: ein trockenes Knacken, manchmal ein feines Knirschen. Fachleute nennen das Krepitation. Dass Knie knacken, ist weit verbreitet — und für viele Menschen klingt das Geräusch nach genau einer Sache: Verschleiß.
Doch Knie knacken heißt nicht automatisch Knorpelschaden. Die Forschung hat das Geräusch inzwischen in großen Gruppen untersucht, und das Bild, das dabei entsteht, ist unbequemer als beide gängigen Positionen: Das Knacken ist weder bedeutungslos, noch ist es der Alarm, für den es gehalten wird. Entscheidend ist, was sonst noch dazugehört — und genau das wird meistens übersehen.
Wir haben uns angesehen, was eine Langzeitauswertung mit 3.495 Teilnehmenden, zwei MRT-Studien und ein aktueller Cochrane-Review tatsächlich hergeben.
Kurz gesagt: Ein knackendes Knie ohne Schmerzen ist in der Regel harmlos und sagt nichts über die Schwere eines Problems aus. In einer Auswertung mit 3.495 Erwachsenen stieg das Risiko für eine später schmerzhafte Kniearthrose mit der Häufigkeit des Knackens zwar von 1,5-fach auf 3,0-fach, über 75 Prozent dieser Fälle betrafen aber Menschen mit bereits sichtbaren Arthrosezeichen im Röntgenbild. Das Geräusch ist damit höchstens ein Hinweis auf etwas, das schon da ist — kein Beweis dafür, dass sich das Knie verschlechtert.
Ist Knie knacken ein Warnsignal?
Meistens nicht. Aber „meistens“ ist nicht „immer“, und die Unterscheidung ist wichtig.
Die klarste Antwort liefert eine Untersuchung von de Oliveira Silva und Kolleginnen (2018) mit 165 Frauen mit Schmerzen hinter der Kniescheibe und 158 beschwerdefreien Frauen. Zwei Befunde, die zusammengehören:
- Wer knackende Knie hatte, fand sich viermal häufiger in der Schmerzgruppe wieder (Odds Ratio 4,19). Das Geräusch ist also kein Zufall.
- Innerhalb der Schmerzgruppe hing das Knacken aber mit nichts zusammen, was den Betroffenen tatsächlich wichtig ist: nicht mit der Alltagsfunktion (r = 0,03), nicht mit der stärksten Schmerzspitze (r = 0,11), nicht mit Schmerzen beim Treppensteigen und nicht mit Schmerzen bei Kniebeugen.
Übersetzt heißt das: Das Knacken kommt in Gesellschaft von Beschwerden häufiger vor, taugt aber nicht als Messgerät. Ein laut knackendes Knie ist nicht schlechter dran als ein leises. Und entscheidend: Auch in der beschwerdefreien Vergleichsgruppe knackte es — nur eben seltener. Die Studie ist allerdings eine Momentaufnahme, sie umfasste ausschließlich Frauen und kann nicht sagen, was zuerst da war: das Geräusch oder der Schmerz.
Woher kommt das Geräusch — und was sagt es über den Knorpel?
Es entsteht meist an der Kniescheibe, nicht im Hauptgelenk. Und es zeigt eher, was bereits vorhanden ist, als was kommt.
Eine MRT-Studie von Schiphof und Kolleginnen (2014) hat 888 Frauen zwischen 45 und 60 Jahren untersucht — 1.776 Knie, alle ohne diagnostizierte Arthrose. Das Knacken war mit allen untersuchten MRT-Veränderungen im Kniescheibengelenk verknüpft (Odds Ratios zwischen 2,61 und 5,49), mit keiner einzigen im großen Gelenkspalt zwischen Ober- und Unterschenkel. Das Geräusch ist also ein ziemlich präziser Fingerzeig auf eine Region — die Gleitfläche der Kniescheibe — und kein Urteil über das Kniegelenk als Ganzes.
Noch aufschlussreicher ist eine Arbeit von Couch und Kolleginnen (2026) an 112 jungen Erwachsenen (Altersmedian 28 Jahre) ein Jahr nach einer Kreuzband-Operation. Wer ein Jahr danach Knacken berichtete, hatte häufiger einen vollschichtigen Knorpeldefekt hinter der Kniescheibe (Prävalenz-Verhältnis 2,70; 95-%-Bereich 1,41 bis 6,39). Aber: Über die folgenden vier Jahre verschlechterten sich die Strukturen bei diesen Menschen nicht stärker als bei den anderen. Und die Gruppe mit Knacken, die anfangs über mehr Schmerzen und eine schlechtere Funktion berichtete, verbesserte sich im Verlauf deutlicher.
Das ist der zentrale Unterschied, der in Sprechstunden oft verloren geht: Das Knacken korreliert mit einem Zustand, nicht mit einem Verlauf. Einschränkend handelt es sich um eine kleine Gruppe von 112 Personen nach einer Kniebandverletzung — nicht um durchschnittliche Erwachsene mit knackenden Knien.
Wann sollten Sie das Knacken ernst nehmen?
Wenn es häufig auftritt, Sie jenseits der 50 sind und Beschwerden dazukommen. Dann ist es ein nützliches Signal — nicht für Angst, sondern für Handeln.
Die größte Datenbasis dazu stammt von Lo und Kolleginnen (2018) aus der Osteoarthritis Initiative: 3.495 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 61 Jahren, alle ohne schmerzhafte Kniearthrose zu Beginn, über 48 Monate beobachtet. Je häufiger das Knacken, desto höher das Risiko, in dieser Zeit eine schmerzhafte Kniearthrose zu entwickeln: 1,5-fach bei „selten“, 1,8-fach bei „manchmal“, 2,2-fach bei „oft“, 3,0-fach bei „immer“ — jeweils verglichen mit Menschen, die nie ein Knacken bemerkten, und bereinigt um Alter, Geschlecht und Körpergewicht.
So weit die Schlagzeile. Der eigentliche Satz steht weiter unten im Ergebnisteil: Die Gruppe, die zu Beginn schon Arthrosezeichen im Röntgenbild hatte, aber keine Schmerzen, stellte nur 26 Prozent der Beobachtungen — aber über 75 Prozent aller neu aufgetretenen Fälle. Das Knacken hat also vor allem dort Vorhersagekraft, wo die Veränderungen bereits begonnen haben. Es ist kein Startschuss, sondern eher ein Zwischenstand.
Dazu gehören drei ehrliche Einschränkungen: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, sie beweist keine Ursache. Das Knacken wurde von den Teilnehmenden selbst berichtet, nicht gemessen. Und das Kniescheibengelenk — ausgerechnet die Region, aus der das Geräusch meist stammt — wurde in dieser Kohorte nicht systematisch erfasst, was die Autorinnen und Autoren selbst als wichtige Limitation benennen. Bei einer 30-jährigen Person mit knackenden Knien sagen diese Zahlen daher wenig.
Unmittelbar abklären lassen sollten Sie das Knacken, wenn es mit Schmerz, Schwellung, Instabilität oder einer plötzlichen Blockade einhergeht oder nach einer Verletzung neu auftritt.
Was bringt Training, wenn das Knie knackt?
Es ist das Verlässlichste, was man tun kann — mit maßvollen, aber dauerhaften Effekten.
Der aktuelle Cochrane-Review von Lawford und Kolleginnen (2024) hat 139 randomisierte Studien mit 12.468 Teilnehmenden zum Thema Training bei Kniearthrose zusammengefasst. Gegenüber der üblichen Versorgung oder keiner Behandlung verbesserte Training den Schmerz um durchschnittlich 13,1 Punkte auf einer 100-Punkte-Skala und die körperliche Funktion um 12,5 Punkte; im strengeren Vergleich mit einer Scheinbehandlung blieben 8,7 Punkte beim Schmerz übrig. Die Evidenz für den Schmerz bewerteten die Autorinnen und Autoren dabei nur als niedrig, die für die Funktion als moderat — die meisten Einzelstudien hatten methodische Schwächen, und gemessen wurde direkt nach Ende der Programme.
Zwei Dinge sagen diese Zahlen ausdrücklich nicht: Sie sagen nicht, dass Training das Geräusch zum Verschwinden bringt — das hat niemand belastbar untersucht. Und sie stammen von Menschen mit diagnostizierter Kniearthrose, nicht von gesunden Menschen mit knackenden Knien. Für die Vorbeugung gilt der Effekt also als plausibel, nicht als bewiesen.
Was Sie daraus mitnehmen können: Kräftige Oberschenkel- und Hüftmuskulatur und ein gut geschultes Gelenkgefühl sind das, was die Kniescheibe sauber in ihrer Bahn hält. Das Geräusch ist dafür nicht der Maßstab — die Belastbarkeit ist es.
Was das für Sie bedeutet
Hören Sie auf, auf das Knacken zu hören, und fangen Sie an, das Knie belastbarer zu machen. Genau dafür ist Knietraining gemacht: ein strukturiertes Programm, das die kniestabilisierende Muskulatur kräftigt und mit Propriozeptionsübungen das Gelenkgefühl schult — in acht Einheiten, online, in Ihrem Tempo und für jedes Fitnesslevel. Als zertifizierter §20-Präventionskurs von der Krankenkasse gefördert, typischer Eigenanteil: rund 24 €.
Wichtig zur Einordnung: Ein Präventionskurs ist keine Therapie und ersetzt keine ärztliche Abklärung. Bei akuten Knieschmerzen, Schwellungen, einem Blockadegefühl oder nach einer Operation oder Verletzung gehört das Knie zuerst in ärztliche Hände — der Kurs ist der Baustein für die Zeit davor und danach.
Weiterlesen
- Was Training bei bestehenden Beschwerden wirklich leistet: Knieschmerzen & Arthrose: Hilft Training wirklich?
- Warum eine Diagnose nicht das Ende der Bewegung ist: Arthrose-Diagnose = das Ende der Bewegung?
- Kurskosten zurückholen: §20-Präventionskurse: So bekommen Sie das Geld von der Krankenkasse zurück
Quellen
Recherchiert über PubMed.
- Lo GH et al. Subjective Crepitus as a Risk Factor for Incident Symptomatic Knee Osteoarthritis: Data From the Osteoarthritis Initiative. Arthritis Care & Research. 2018. DOI: 10.1002/acr.23246 (PMID: 28470832)
- de Oliveira Silva D et al. Knee crepitus is prevalent in women with patellofemoral pain, but is not related with function, physical activity and pain. Physical Therapy in Sport. 2018. DOI: 10.1016/j.ptsp.2018.06.002 (PMID: 29890402)
- Schiphof D et al. Crepitus is a first indication of patellofemoral osteoarthritis (and not of tibiofemoral osteoarthritis). Osteoarthritis and Cartilage. 2014. DOI: 10.1016/j.joca.2014.02.008 (PMID: 24583066)
- Couch JL et al. Knee Crepitus and Osteoarthritis Features in Young Adults Following Traumatic Knee Injury. Arthritis Care & Research. 2026. DOI: 10.1002/acr.25637 (PMID: 40855080)
- Lawford BJ et al. Exercise for osteoarthritis of the knee. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2024. DOI: 10.1002/14651858.CD004376.pub4 (PMID: 39625083)
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden oder starken Knieschmerzen suchen Sie bitte ärztlichen Rat.